Überprüfung antiker Erdbilder

Im Rahmen des Forschungsthemas „Überprüfung und Ergänzung antiker Erdbilder und Kartenwerke“ spielt als Quelle auch die Erdbeschreibung Homers eine bedeutende Rolle. Die sehr unterschiedlichen Nachzeichnungen der Reiseroute der „Odyssee“ resultieren daraus, daß die technischen und naturwissenschaftlichen Angaben in den Epen meist unbeachtet blieben – statt dessen versuchte man es mehr auf der Grundlage vermeintlicher ldentitäten von geographischen und topographischen Angaben mit entsprechenden Örtlichkeiten.

Von hervorragender Bedeutung ist die Segelanweisung für die zwanzigtägige Segelreise des Odysseus (5. Ges.). Man sieht es dieser Anweisung gar nicht an, welche Aussagekraft in ihr steckt. Das Ergebnis der Analyse: Als Richtungsweisung kommen nur die Orte der Sternaufgänge von Alcyone (Plejaden) und lzar (Bootes) infrage, weil der Große Bär stets zur Linken zu halten ist. Die Kursrichtung von der Insel der Kalypso, Ogygia, aus war vor 3 000 Jahren (und auch heute noch) etwa ’54° gegen Nord. Die Insel kann nur etwa zwischen dem 30. und 40.‘ Breitengrad liegen (oberhalb von 40° wurde damals auch der Bootes zum zirkumpolaren Sternbild). Die Abreisezeit von Ogygia liegt zum Sommerausgang zwischen dem 12. und 17. September (dies ist ein wichtiges Kriterium, da zur Winterzeit die Seefahrt ruhte). – Diese klaren Aussagen forderten geradezu zu einer „mathematischen“ Lösung heraus, wenn man berücksichtigt, daß die Vorstellung der Alten vom Okeanos umströmten Erdkreis der Wirklichkeit in weiten Teilen recht nahe kommt und Homer das Reiseziel am „Ende der Welt“ lokalisiert. Nicht nur der Nordwestzipfel der Pyrenäenhalbinsel ist auch heute noch das Ende der Erde (Kap Finisterre), sondern auch die Bretagnespitze Finisterre; der ganze Saum der Erdscheibe war das Ende der Erde. Läßt man nun die Gerade (den Segelkurs) unter 54° am Erdkreis tangieren, dann liegt der Berührungspunkt, gleich Ziel, in der Helgoländer Bucht, und von da aus 18 Tage Segelreise zurück – bei einer Durchschnittsleistung von 4 Knoten – als Ausgangspunkt die Azoren (SI. Miquel). Homer selbst überliefert diesen „Längenmaßstab“ von 4 Knoten für ein rundquerschittiges Boot, und nicht Floß, wie sich die Homerübersetzer auch heute noch „poetisch“ ausdrücken.

Die „Entzifferung“ verschiedener homerischer Gleichnisse bestätigen diesen Kurs. Bei den Felsen der Charybdis und Szylla (Gibraltar) werden die Gezeiten (Tidenhub) geschildert; das zieht nach sich, daß die Insel des Sonnengottes Helios, Thrinakia, nur mit der „Dreiecksinsel“ Teneriffa gleichgesetzt werden kann.

Schließlich war nun auch zu finden, welche beiden Wege zum Reiseziel die mittelmeerische Kirke dem Odysseus zur Wahl stellt: Den einen zogen die Argonauten zur Insel Elektris an der Bernsteinküste; der andere Weg, der gefährliche Seeweg- ihn wählte Odysseus – führt durch die Enge von Gibraltar auf dem uralten Zwangskurs von Tartessos zu den Zinninseln (Cornwall) und weiter zur Bernsteinküste der Nordsee, die nun auch, nach den neuesten Tauchuntersuchungen eine „Kupferinsel“ (Helgoland) hat.

Veröffentlichungen: „Bild der Wissenschaft“ (Heft 1/77) und „Schiff und Zeit“ (Heft 10/1979)

Verfasser:

Prof. Dr. Ing. K. Bartholomäus
Universität Essen Seminar für Archäo-Geodäsie

Prof. Dr. L. Bommes
Fachhochschule Düsseldorf

ERKLÄRUNG

Meine Forschungsergebnisse haben das alte Bild des Abendlandes nach dem die Völker des europäischen Nordens in der Bronzezeit (etwa von 1800 bis 800 v. Chr.) in kultureller Finsternis dahindämmerten, vollkommen haltlos gemacht. Das „Licht kam nicht aus dem Osten (ex oriente lux) sondern aus dem Norden.

Die Anstalten des öffentlichen Rechts (vor allen das Fernsehen), die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften behindern meine Forschung, beziehungsweise verweigern die Publikation meiner Ergebnisse. Das ist Zensur!

Als vom Bürger bezahlter Wissenschaftler muß ich darauf bestehen auch dem Bürger Rechenschaft über meine Forschungstätigkeit und deren Ergebnisse zu legen.

Düsseldorf, den 20.10.1989

Prof. Dipl.-Ing. (Archäogeodäsie) (Name?)

Bild der Wissenschaft, Nr. 1-1977, S. 55 ff.

Die seefahrenden Völker der Altzeit haben sich keineswegs nur mit Küstenschiffahrt begnügt. Die Frühgeschichtsforschung fördert immer mehr Material zutage, das diese Behauptung stützt. Bei Aufräumungsarbeiten etwa im Süden der Cheops-Pyramide stieß man zufällig auf zwei mit mächtigen Steinquadern abgedeckte schmale, in den Fels gehauene Gruben. Diesen sonderbaren Gräbern konnte man mehrere hundert Einzelteile aus Zedernholz entnehmen, die, zusammengefügt, zwei hochseetaugliche Barken ergeben, die im Äußeren den Trans-Ozean-Seglern der Wikinger ähneln. 43 Meter lang ist das „Sonnenboot des Cheops“ (um 2500 v. Chr.).

Wir wissen heute, daß schon die Kreter über das offene Meer fuhren und mit ihren Handelsschiffen den ganzen Mittelmeerraum beherrschten. Sehr wahrscheinlich stießen sie auch bis zu den Kanarischen Inseln und Madeira VOL Es ist nicht auszuschließen, daß die Kreter auch Fahrten zu den britischen Zinninseln, also bis ans Ende der damaligen Welt, unternahmen.

Selbst Atlantik-Überquerungen in prähistorischer Zeit rücken in den Bereich großer Wahrscheinlichkeit. Ernst zunehmende Forscher, wie etwa Thor Heyerdahl, können nur so die Gleichzeitigkeit der Megalithkulturen von Amerika und Alt-Europa erklären. Die Nordost-Passat-Drift war damals, wie später auch für Kolumbus, die große Straße.

Hervorragende Bedeutung haben die, „nordischen Seevölker“, die die Ägypter in harte Bedrängnis brachten und die mächtigen Phönizier zur Neutralität zwangen (1300 bis 1200 v. Chr.). Fachleute lassen keinen Zweifel daran, daß die in den norwegischen und schwedischen Felsgravuren verewigten Schiffe wohl die Höchstleistung der europäischen Seefahrt während der Bronzezeit verkörperten.

Diese Beispiele machen die Dimensionen der alten Seefahrt deutlich, in denen sich der Held Homers, Odysseus bewegt haben könnte. Für die Nachzeichnung der Reiseroute des Odysseus ist es wichtig, das Weltbild der damaligen Zeit zu kennen.

Der vom Ozean umfIossene Erdkreis

Homer selbst gibt eine Beschreibung des Bildes auf dem Schild des Achillcs den der hinkende Künstler Hephaistos schuf (Ilias, 18. Gesang):

„Drauf schuf er die Erd‘ und das wogende Meer und den Himmel, Auch den vollen Mond und die rastlos laufende Sonne; Drauf auch alle Gestirne, die rings den Himmel umleuchten, Drak’, Plejad‘ und Hyad‘ und die große Kraft des Orion. Auch die Bärin, die sonst der Himmelswagen genannt wird, welche sich dort umdreht und stets den Orion bemerket. Und allein niemals in Okanos Bad hinabtaucht … Auch die Gewalt des Stromes Okeanos bildet ringsum Strömend am äußersten Randes schönvollendeten Schildes.“

Der Schild des Achill zeigt den vom Ozean umflossenen Erdkreis. Nach alten ägyptischen Unterlagen schloß der große Wasserkreis den Erdkreis. Man teilte den Erdkreis in neun Bogen ein, die Breitenbereiche umfassen. Der erste Bogen liegt dort, wo zur Mittagszeit kein Schatten fällt (Äquator ! Wendekreis der Sonne). Homer siedelt in diesem Bogen die Pygmäen an (Ilias

3. Gesang): „… so wie … Kraniche … welche … mit Geschrei hinziehen an Okeanos strömende Fluten kleiner Pygmäen Geschlecht bedrohend …“

Diese „Faustgroßen“ fanden zuerst ihre wissenschaftliche Bestätigung durch die Entdeckung von G. Schweinfurth (1870) im Zentralafrikanischen Urwald. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte man es sich abgewöhnen sollen, Homers Überlieferungen als reine Phantasieprodukte abzutun.

Der Erdkreis schließt im Norden mit dem neunten Bogen ab. Dort dauert der längste Tag 17 Stunden; das entspricht etwa der Breite von 54°, also dort, wo wir auch heute den Erdkreis zeichnen würden, wenn wir Skandinavien als Insel sähen.

Den zehnten Bogen bildet der große Wasserkreis, dort scheint die Mitternachtssonne, steht die Himmelssäule, dort ist das Ende der Welt.

Selbst Tacitus schreibt noch in seiner Germania: „Im Norden der Suionen (Schweden) liegt ein anderes Meer … die Annahme, es schließt den Erdkreis ringsum ab, findet ihre Bestätigung

dadurch, daß der letzte Schein der bereits untergehenden Sonne stets so hell bis zu ihrem Wiederaufgang weiterleuchtet, daß er die Sterne überstrahlt … Hier ist – und das darf man glauben – das Ende der Welt.“

Eratosthenes errechnet den Erdumfang

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der Grieche Eratosthenes (273 v.Chr.) schon 400 Jahre vor Tacitus durch Messen des Einfallswinkels der Sonnenstrahlen auf den Meridian Alexandria-Syene (bei Assuan) den Umfang der Erdkugel bestimmte, während Tacitus noch den Erdkreis sah. In Anlehnung an die altägyptische Breiteneinteilung hat Eratosthenes seine Erdkarte gezeichnet.

Diesem Weltbild entspricht auch die Karte des Hekataios (um 500 v. Chr.). In ihr finden wir den Fluß Istros (Donau/Drau) und den Eridanos (vermutlich Elbe), der vom Ripäischen Gebirge (Alpen/Karpaten) aus in das Nordmeer (Okeanos) fließt.

Man darf die „Odyssee“ nicht isoliert betrachten, man muß sie vielmehr in Zusammenhang mit der „Argonautenfahrt“ sehen, an der Odysseus‘ Vater, der König Laertes, teilgenommen hat. Die Argonauten traten unter Führung Jasons die Fahrt an, um in Kolchis, einer frühgeschichtlichen Goldlagerstätte am Ostrande des Schwarzen Meeres, das „Goldene Vlies“ zu holen .

Die Reise des Königssohnes Jason mit seiner Mannschaft begann in Thessalien und führte an der Insel Lemnos vorbei ins Schwarze Meer.

Am Bosporus bestehen die Argonauten die Gefahr der Symplegaden, der zusammenschlagenden Klippen, und erblicken nach langer Fahrt die Gipfel des Kaukasus, bevor sie nach Kolchis kommen. Mit Hilfe der Zauberkünste der Königstochter Medea, die sich in den Helden verliebt, überwindet Iason alle Gefahren und raubt das „Goldene Vlies“.

Befuhr Odysseus nur das Mittelmeer?

Auf der Heimfahrt werden die Argonauten an der Durchfahrt durch den Bosporus gehindert; sie müssen deshalb einen weltweiten Umweg machen. Sie fahren istrosaufwärtsbis zum Ripä ischen Gebirge und von da aus auf dem Eridanos abwärts, nordwärts bis zum Nordmeer, dort wo einst Phäeton von seinem Vater, dem Sonnengott Helios, wegen seiner Missetat in den Eridänos gestürzt wurde.

Phäeton war mit dem Sonnenwagen der Erde zu nahe gekommen und hatte dadurch einen riesigen Flächenbrand verursacht. Seine Schwestern trauerten und weinten Tränen, die zu Bernstein wurden, der damals die Bedeutung einer Weltwährung hatte. Die Weiterreise der Argonauten nach Griechenland könnte auf einer „Bernsteinstraße“ (Rhein-Rhone?) oder gar an der Atlantikküste, am Rande des Weltmeeres und durch die Enge von Gibraltar erfolgt sein.

Sieht man die Odyssee im Zusammenhang mit der Argonautenfahrt, so kann man schwerlich annehmen, daß der Vater Laertes eine Weltreise unternommen habe, der heldenhafte Sohn hingegen nur ein bißchen „vor seiner Haustüre“ herumgesegelt sei, wie das in den Nachzeichnungen der Reiseroute bisher getan wurde. Die „Fahrtenbücher“, die zur Nachzeichnung der Argonautenfahrt dienten, sind sicher Generationen älter als Jason, Laertes und die anderen Teilnehmer und stammen aus der Pionier- und Abenteuerzeit. So hört man noch die Schreie des angeketteten Prometheus. Als Strafe dafür, daß er den Menschen das Feuer gebracht hat, hackt ihm ein Adler die Leber aus dem lebendigen Leib. Hier wie da haben Dichter uralt Überliefertes mit den Namen späterer Generationen verwoben.

Ein Kernstück der Odyssee ist die zwanzigtägige Segelreise des Odysseus von der Insel der Kalypso, Ogygia, zu den Phäaken am „Ende der Welt“ und der Aufenthalt dort am Königshof. Der Fahrt und dem Aufenthalt widmet Homer acht von 24 Gesängen. Auf die Stationen im Mittelmeer sei hier nicht besonders eingegangen. Bekannt sind die Abenteuer beim einäugigen Kyklopen Polyphernos und mit der schöngelockten Kirke. Auch der Gefahr beim Passieren der Insel der Sirenen begegnet der erfindungsreiche Held mit einem gelungenen Trick. Bei der Durchfahrt durch die beiden Felsen der Charybdis und Szylla gibt es kein Entrinnen; Szylla neigt sich herab zum Schiff und raubt sechs Männer, die stärksten an Mut.

Danach erreichen sie die Insel des Sonnengottes, die Insel Thrinakia. Die Gefährten mißachten die Warnung der Kirke, schlachten die heiligen Rinder und werden für den Frevel bestraft. Als sie auslaufen, breitet Zeus Kronion ein dunkelblaues Gewölk aus; ein lautbrausender West mit fürchterlich zuckenden ·Wirbeln zerbricht das Schiff und nimmt den Sündern die Heimkehr. Allein Odysseus rettet sich an Kiel und. Mastbaum des zertrümmerten Schiffes; ein Südwind treibt ihn zurück zum Schlunde der wilden Charybdis.

An dieser Stelle gibt Homer eine großartige Schilderung der Gezeiten. Das Phänomen Ebbe und Flut war für die Bewohner am Rande des Okeanos seit Urzeiten ein Naturereignis ersten Ranges. Die Alten konnten als Verursacher nur ein riesiges Meeresungeheuer sehen. Es ist selbstverständlich, daß Homer dieses Naturereignis seinen Landsleuten nicht vorenthalten konnte. Sein Held Odysseus berichtet (12. Gesang):

„Und ich trieb durch die ganze Nacht, da die Sonne nun aufging, kam ich an Szyllas Fels und die schreckvolle Charybdis. Diese verschlang anjetzo des Meeres salzige Fluten (und mit ihnen Kiel und Mastbaum), aber ich hob mich empor; an des Feigenbaums Gezweig angeklammert, und hing wie die Fledermaus … Also hielt ich mich fest an dem Zweig, bis der Kiel und der

Mastbaum wieder dem Strudel entflögen, und endlich nach langem Harren kamen sie. Wann zum Mahle der Richter aus der Versammlung kehrt, der viele Zwiste der hadernden Jüngling entschieden, zu der Stund‘ entstürzten Charybdis Schlunde die Balken.“

Mit Sonnenaufgang, das ist für die Breite des Mittelmeerraumes im Sommer gegen fünf Uhr morgens, setzte also die Ebbe ein. Man kann das Ende der langen Gerichtsverhandlungen auf den Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr setzen; somit liegen zwischen den Hochwasserständen 11 bis 13 Stunden – wir wissen heute, daß es etwa zwölfeinhalb Stunden sind.

Als Enge der Felsen der Charybdis und Szylla kommt danach nur Gibraltar in Frage. Die Straße von Messina scheidet aus, da es im Mittelmeer zwar Strömungen, aber praktisch keine Gezeiten gibt. Der Tidenhub beträgt im Mitte/meer nur 0,2 bis 0,3 m, an der Atlantikküste hingegen 2,5 bis 4,0 m. In Buchten erreicht der Unterschied zwischen Hoch-und Niedrigwasser -wegen des großen Staus der Flutwelle -Werte bis zu 10 m und mehr (St. Malo).

Wie hätte Homer, der Mann des Mittelmeerraumes, die Gezeiten besser beschreiben können?

Mit der Identifizierung von Gibraltar mit den Felsen der Charybdis und Szylla ist aber auch die Insel Thrinakia, die „Dreizipfelige“ festgelegt: Teneriffa, die „Dreiecksinsel“.

Ogygia -Insel im weiten Weltmeer

Nachdem Odysseus zwölf Stunden lang das Opfer der Gezeiten war, ruderte und trieb er auf den Schiffsbalken neun Tage; in der zehnten der Nächte „führten ihn die Himmlischen gen Ogygia, wo Kalypso wohnet“. Kalypso, die Tochter des himmeltragenden Gottes Atlas, hat Odysseus sieben Jahre mit Gewalt festgehalten. Er kann nicht entkommen, denn es gebricht ihm dort an Ruderschiffen und Männern Nach dem Ratschluß der Götter muß ihn Kalypso freigeben. Hermes, der Götterbote, ist an der Reihe, seines Amtes zu walten. Als er die ferne Insel Ogygia erreicht, empfängt ihn Kalypso mit einem leichten Anflug des Vorwurfs, vermischt mit etwas Spott:

„Hermes, Geehrter, Geliebter? Denn sonst besuchst du mich niemals. Sage, was du verlangst; ich will es gerne gewähren…“ Sie mag wohl insgeheim auch vermutet haben, daß er bisher auf „halber Strecke“ bei der Kirke geblieben ist. Aber geschickt zieht sich Hermes aus der Affäre und gibt zu bedenken (5. Gesang):

„Zeus gebot mir, hierher ohn‘ meinen Willen zu wandern! Denn wer ging wohl gern durch dieses salzigen Meeres Unermeßliche Flut? Ringsum ist keine der Städte, Wo man die Götter mit Opfern und Hekatomben begrüßet.“

Ogygia ist nach diesen Aussagen eine unbewohnte Insel, gelegen im weiten Weltmeer, im Okeanos.

Bevor Odysseus in seine Heimat zurückgebracht wird, hat er noch eine zwanzigtägige gefahrvolle Fahrt zum „großen heiligen Ziel seiner Leiden“ das am „Ende der Welt“ liegt, zu bestehen.

Da es zur Zeit Homers weder Sextant, Chronometer noch Kompaß gab, blieb den Seefahrern als einziges Hilfsmittel zur Orientierung der gestirnte Nachthimmel. In der Segelanweisung der Kalypso finden wir die älteste schriftliche Überlieferung einer Orientierung nach den Sternen. Im 5. Gesang heißt es:

„Und nun setzt‘ er sich hin ans Ruder und steuerte künstlich Über die Flut. Ihm schloß kein Schlummer die wachsamen Augen. Auf die Plejaden gerichtet und auf Bootes, der langsam Untergeht, und den Bären, den andere‘ den Wagen benennen, Welcher im Kreise sich dreht, den Blick nach Orion gewendet, Und allein von allen sich nimmer im Ozean badet, Denn beim Scheiden befahl ihm die hehre Göttin Kalypso, Daß er auf seiner Fahrt ihn immer zur Linken behielte. Siebzehn Tage befuhr er die ungeheuren Gewässer; Am achtzehnten erschienen die fernen Berge Von dem phäakischen Lande …“

Zweifellos hatten die Menschen in früheren Zeiten geschärftere Sinne für die Ereignisse in der Natur und besonders am Sternenhimmel als wir heute, da sie Hilfsmittel kaum zur Hand hatten.

Das wird auch dem Odysseus bescheinigt, wenn er im 10. Gesang der „Ilias“ sagt: „Gehn wir denn! Schnell eilet die Nacht und nah ist der Morgen; Weit schon rückten die Stern‘, und das meiste der Nacht ist vergangen; Um zwo Teile bereits, nur der dritte Teil ist noch übrig.“

Ihm dienten die Sternbahnen zur Zeitbestimmung. Mit Hilfe markanter Geländepunkte könnte man aus dem zurückgelegten Bahnstück eines Sterns auf den entsprechenden Teil der vergangenen Nacht schließen. Auf dem Meer jedoch entfallen solche Fixpunkte; es bleiben nur die Auf-und Untergangspunkte der Gestirne zur Orientierung. Vielleicht Iäßt sich noch ein kleines Restbogenstück abschätzen.

Sterne weisen den Weg

Auch das zwanzigste nachchristliche Jahrhundert hat noch seine großen Abenteurer. Allerdings dürfte das große Wagnis, früher wie heute, in vielen Fällen auch einem wissenschaftlichen Zweck gedient haben. Wenn man das Tagebuch über die Alleinüberquerung des Ozeans von Hannes Lindemann liest, könnte man streckenweise glauben, man habe sein Buch mit der Odyssee vertauscht. Lindemann hat mit seiner Ozeanüberquerung im Selbstversuch die physischen und psychischen Probleme des Überlebens Schiffbrüchiger auf hoher See untersucht. Er ist bei seiner Fahrt in einem serienmäßigen Faltboot bis an die Grenze des menschlichen Leistungsvermögens gegangen. Zweimal ist das Boot auf dem Atlantik gekentert, er treibt zwischen Bootsrumpf und Ausleger. Es ist Nacht, er hat keine Hilfsmittel zur Orientierung: „Ich schaue nach den Sternen. Mein Gott, der Orion ist ja noch nicht im Zenit, es ist noch nicht einmal Mitternacht. Soll ich sieben Stunden auf dem Boot liegen müssen? … Orion steht jetzt im Zenit. Es ist Mitternacht -… Orion steht etwa 45° im Westen, es mag 4 Uhr sein … Die letzten paar Stunden habe ich auf dem Rumpf gelegen, ich muß das Boot endlich umdrehen.“ Und weiter: „In der Nacht ist es einfacher, die Sterne zeigen mir einen besseren Kurs als der Kompaß, den ich erst umständlich anleuchten muß.“ Zur Orientierung auf See eigneten sich damals besonders die ausgezeichneten Richtungen, die Azimute (Winkelabstände von Punkten auf dem Horizont vom Südpunkt) der Auf- und Untergangspunkte der Sterne. Zu ihrer Berechnung müssen natürlich die Gestirnsörter von vor etwa 3000 Jahren bekannt sein.

Die Präzession bewirkt eine langsame Änderung der äquatorialen Koordinaten der Fixsterne. Da der Zeitpunkt der Segelanweisung nur ungenau gegeben ist (Homer um 800 v. Chr. und Odysseus um 1300 v. Chr.), wurde für diese Zwecke eine schnell zum Ziele führende Formel zur Umformung entwickelt, bei der die heutigen Koordinaten einer guten Sternkarte entnommen werden können.

Die Ergebnisse besagen, daß die Sterne des Sternbilds Bootes und die Plejaden verschiedene Richtungen angeben. Das Problem ist nun, für ein Ziel eine Richtung zu finden.

Da früher in Sternbildern gedacht wurde, um die sich abenteuerliche Mythen rankten, wurde für den Ochsentreiber Bootes die Bildmitte als Richtungsweisung angenommen. Sie fällt nahezu mit dem hellen Bootes-Stern Izar zusammen. Das Siebengestirn (Plejaden) kann als Punkt angesehen werden.

Für das Jahr 800 v. Chr. divergieren beide Richtungen (Bootes-Mitte und Plejaden) erheblich; das Mittel daraus liegt bei 53° bis 54°. Dieser Kurs ändert sich kaum, wenn man für die Folgezeit (von der Zeitwende bis heute) die Richtung beider Sternbilder mitteIt. Der Divergenzwinkel wird dabei immer kleiner; etwa um das Jahr 2500 n. Chr. werden Izar und Alcyone an derselben Stelle des Horizonts, bei 54° bis 55° aufgehen.

Sicher sind zu Homers Zeiten die Seefahrer trotz der Divergenz der Richtungen nicht im Zick-Zack-Kurs gefahren; man kann ihnen zutrauen, daß sie darum wußten und dies berücksichtigten. Man kann auch nicht erwarten, daß Homer auf dieses Problem besonders einging, ein Epos ist nun einmal kein navigatorisches Lehrbuch.

Wollte man bei der Lösung rein mathematisch vorgehen, dann müßte man die durch ihre Richtung gegebene Gerade, den Kurs, am Erdkreis tangieren lassen, um zum Ziel der Segelreise zu kommen. Es fehlte dann noch die Länge der in 18 bis 20 Tagen zurückgelegten Strecke, um den Zielpunkt zu finden.

Homer selbst liefert einen „Längenmaßstab“ im 14. Gesang: Odysseus, zur heimischen Insel zurückgekehrt, gibt sich dem Sauhirten Eumäos aus begreiflichen Gründen (wegen der Freier) nicht zu erkennen. Er sagt, daß er aus Kreta stamme, und von da aus mit einigen Schiffen unter dem lieblichen Wehen des reinen beständigen Nordwindes zum Strome des Ägyptos segelte. Für diese Strecke benötigte er 4 ½ Tage; das entspricht einem Stundenmittel von 4 Seemeilen. Nach anderen alten Überlieferungen waren damals 4 bis 5 Knoten ein guter Schnitt (1 Knoten = 1 Seemeile/ Stunde = 1,852 km/h).

Nimmt man für unseren Helden an, daß er mit einer Geschwindigkeit von 4 Knoten gesegelt sei, dann hätte er in 18 Tagen 3200 km zurückgelegt. Diese Annahme kann man vertreten, da Odysseus nicht mit einem Floß, sondern in einem Boot mit rundem Querschnitt (ähnlich einem Tonmodell im Museum von Heraklion) gesegelt ist.

Diese Strecke von etwa 3200 km bei einem Kurs von 54° entspricht der Entfernung und auch der Richtung Azoren-Helgoländer Bucht.

Im 6. Gesang berichtet die lilienarmige Königstochter Nausikaa, die sich in Gesellschaft ihrer weißarmigen Gespielinnen an das Ufer des Flusses begeben hat, an das sich Odysseus nach zwanzigtägiger Segelfahrt rettete:

„Wir Phäaken bewohnen die Stadt und diese Gefilde … Von den Göttern sehr geliebt, wohnen wir abgesondert im wogenrauschenden Meere an dem Ende der Welt und haben mit keinem Gemeinschaft.“

Odysseus erreicht Helgoland, die Heimat der Phäaken

Man darf beim Ziel der Reise, dem Raum Helgoland, nicht von der Vorstellung ausgehen, die man heute davon hat. In alten Karten findet man, daß noch um das Jahr 800 n. Chr. die Landfläche von Helgoland viel größer war als etwa die von Borkum heute. Die alten Castelle, Kirchen, Wälder und Häfen sind in diesen Karten belegt. .

Das Bild, das Homer vom Helgoländer Felsmassiv zeichnet, könnte auch heute entstanden sein:

„Am achtzehnten Tage erschienen die fernen schattigen Berge … Dunkel erschienen sie ihm, wie ein Schild im Nebel des Meeres … Aber so weit entfernt, wie die Stimme des Rufenden schallet, Hört er ein dumpfes Getöse des Meeres, das die Felsen bestürmte. Graunvoll donnerte dort an dem schroffen Gestade die hohe Fürchterlich strudelnde Brandung …Zackichte Klippen Türmen sich hier, umtobt von der Brandung brausenden Strudeln, Und dort das glatte Felsengestade …“

Auf der Insel Ogygia, dem Ausgangspunkt der zwanzigtägigen Segelreise, hauste Kalypso, die Tochter des himmeltragenden Atlas, dort, wo sich der „Nabel des Meeres“ befand; weit im Westen vom Rande der Erdscheibe (Atlasgebirge), das besagt ihre atlantische Abstammung. Hoch im 18. Jahrhundert war der Name der Azoreninsel St. Miquel „unbelicus maris“, Nabel des Meeres. Der Name besteht zu Recht, da das Gebiet um die Azoren strömungsmäßig einer Drehscheibe gleicht.

Die Insel Ogygia ist nach Homer eine kleine unbewohnte Insel, gelegen in des Meeres unermeßlichen Fluten.

Wer nun Ogygia mit Malta oder einer kleinen NachbarinseI gleichsetzen möchte, der findet sowohl in der „Ilias“ als auch in der „Odyssee“ genügend Zeugnisse dafür, daß Odysseus mit einem der vielen phönizischen Händler und Krämer, die damals in allen Häfen des Mittelmeerraumes ihre Töpfe, Kessel und selbst Badewannen feilboten, von Malta hätte abreisen können.

Im übrigen ist Odysseus selbst, zu Beginn seiner ,,’Irrfahrt“, mit seiner ganzen Mannschaft wenigstens schon dreimal an Malta vorbei gerudert oder gesegelt. Es hätte also keiner Segelanweisung bedurft. Außerdem hätte er bei günstigen Winden mit einem vorzüglichen Boot noch nicht einmal einen Schnitt von einer Seemeile gehabt. Das „unbekannte“ Ziel, Korfu, läge dann zwangsläufig nicht am Ende der Welt, sondern direkt neben seiner Haustüre; also dort, wo seine Kriegskameraden von Dondona wohnen.

Mit dem Erreichen seines großen Zieles, dem Besuch bei den Phäaken am Ende der Welt, hat der Held einen Höhepunkt erreicht. Für die Heimfahrt hat sich Homer etwas Besonderes einfallen lassen, wenn er König Alkinoos sagen läßt:

„Deine Heimfahrt bestimme ich dir, daß du es wißest, Morgen. Allein du wirst indessen liegen und schlafen, Da sie die Stille des Meeres durchrudern, bis du erreichest Deine Heimat, dein Haus und was dir irgendwo lieb ist, Wäre es auch hinnen noch weiter als selbst Euböa, Denn das liegt ferne ,..“

In einen totähnlichen Schlaf gewiegt, erlebt Odysseus seine Heimreise „in einer Nacht“ gar nicht.

Odyssee nur im Mittelmeer?
Prof. Dr. Ing. K. Bartholomäus

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